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Archive for November 2009

Szenen einer Sitzung – Dringlichkeitssitzung des Akademischen Senats der FU zu Lenzenfrage und studentischen Forderungen (30.11.09)

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Szenen einer Sitzung

Momentaufnahmen einer Sitzung des Akademischen Senats an der (Werbe)Freien Universität Berlin.

Die hier besprochene Sitzung wurde in einer nur leicht gerührten und ungestreckten (also unverlängerten) Form abgehalten: nennen wir es eine AS-Sitzung on ice. Datum: 30.11.2009, eine Dringlichkeitssitzung anläßlich des aktuellen Bildungsstreiks, Ort und Zeit genauer: AS-Saal im Henry-Ford-Bau der FU, Mitten im Bildungsstreik und während der weiterhin andauernden Besetzung des Hörsaals 1A im Hauptgebäude Silberlaube. Zeitgleich zum noch immer nicht offiziell ausgerufenen Interregnum an der FU, das de facto bereits am 11.11.09 eingeläutet wurde, durch die Publikation eines über Pläne des ex-Präsidenten Lenzen aufklärenden taz-Artikels vom Tage der studentischen Vollversammlung, mit der die Besetzung vor bald drei Wochen begann)

Erste Szene:

Seit wann entscheiden Studenten über Präsidiumssitze?

Die für den letzten Novembermorgen dieses Jahres anberaumte Dringlichkeitssitzung des Akademischen Senats der FU wurde eingeleitet vom mittlerweile landesweit bekannten Problem der unklaren Leitungssituation an der Freien Universität, nachdem ex-Präsident Lenzen Mitarbeiter des ehemals von ihm geführten Universitätsunternehmens (das ab jetzt erste zaghafte Versuche einleiten kann, langsam den Status einer Universität zurückzuerlangen) mit dem spontanen Wechsel seines zentralen Interesses überraschte (und damit hunderte Hamburger Studenten in einen temporären Schockzustand beförderte). Mehrere Mitglieder des Akademischen Senats bemängelten die mangelnde Information seit seinem Bewerbungsentschluß, der sich in ihren Augen bis heute fortpflanzt – so wurde unter anderem scharf kritisiert, daß bis heute eine klar formulierte Pressemitteilung zum aktuellen Stand auf der Präsidiumsetage fehlt.

Mehrere AS-Mitglieder äußerten sich stellenweise scharf und deutlich zur jetzigen unsicheren Situation und wiesen darauf hin, daß Lenzen bei längerem Schweigen der Freien Universität schade. Nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit, auch intern sei nicht klar, welche Interessen er derzeit vertrete. Um weiteren Schaden von der FU abzuhalten, werde eine klare Rücktrittsaufforderung benötigt. Nachdem – wie bei solchen Sitzungen üblich – über die Direktheit der Formulierung eine Weile herumdebattiert wurde, rang sich der AS schließlich doch eine Beschlußformulierung ab, in der die ursprünglich beantragte Rücktrittsaufforderung an Lenzen zwar auch mit sehr viel gutem Willen nicht mehr zu erkennen ist, in der der AS sich jedoch immerhin den Präsidenten zu fragen traut, wie den nun seine Entscheidung laute. Welch gewagter Schritt. Durch die Konfrontation mit jahre-, ja jahrzehntelangem Kampf um studentisches Mitbestimmungsrecht deutlich abgestumpft, inmitten einer europaweiten Universitätsbesetzungswelle standhaft ungerührt, behält der Akademische Senats seine Vorstellung bei, nach einer Ausschreibung der Universitätspräsidentenstelle eine Findungskommision einzuberufen, die kaum größer sein wird als 8 Personen (in größeren Gruppierungen könne, so ein AS-Mitglied, nicht „vernünftig gearbeitet werden“) – und dort in trauter und geselliger Runde über die zukünftigen Geschicke auf der Präsidiumsetage zu entscheiden.

Wir werden ja kaum eine studentische Vollversammlung den Präsidenten wählen lassen“, raunt hörbar warnend AS-Mitglied K. durch den Saal. Die gesuchte trockene Süffisanz will jedoch in dem Raum, in dem viele aufmerksame Studenten ohne Rederecht mit studentischen Handzeichen den Fortgang des Gesprächs kommentieren, nicht so recht gelingen.

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Zweite Szene:

Runder Tisch oder die Quadratur des Dreiecks pyramidaler Konstrukte

Runder Tisch“ – seit drei Vollversammlungen bereits fasziniert der Begriff die Gemüter und läßt Hoffnungen aufkeimen – in universitären Gremien sonst seltene Nomen wie „Offenheit“, „Diskussionsbereitschaft“, „Hinhören“ und sogar Formulierungen wie „Nach Lösungen suchen“ machen die Runde. Ein Begriff, der Vorstellungen von egalitären Rederechten, Gleichberechtigung und konstruktivem Aufbruch rostender Machtkonzentration evoziert. „Redemokratisierung der Hochschule“, hallt es vielversprechend durch den Raum und erzeugt viele Echos. Stürzt hier eine Pyramide? Oder wird hier nur zu einer vierseitigen umgeformt? Wie angemessen verwendet wird der Begriff, wenn der ‘runde Tisch’ schließlich in dasselbe enge Tisch-Eck des AS-Sitzungssaales versetzt wird, mit Platz für kaum 20 Teilnehmer? Der Vorschlag eines studentischen redeberechtigten Vertreters, den „runden Tisch“ im Hörsaal 1A einzuberufen, wird leider – an dieser Stelle sehr im Sinne der präsidialen Sitzungsleitung – von der eigenen studentischen Sitzungskollegin abgeschmettert, gleichzeitig wird auch eine Uhrzeit festgesetzt, die gleich doppelt sicherstellt, daß das „runde“ Tischeckchen von nicht allzu vielen „umrundet“ wird – Interessierte können sich auf 8 Uhr früh am kommenden Montag (7.12.) freuen. In der entschärften Form (Feststellung, daß der runde Tisch keinesfalls ein entschlußfähiges neues Gremium sein darf, sondern reinen Gesprächscharakter haben und behalten soll) wird der ursprünglich von Prof. Funke eingebrachte und nun um seine letzten Zähne gebrachte Vorschlag vom Akademischen Senat angenommen.

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Dritte Szene:

Der Akademische Senat empfiehlt sich

Neben dem zahnlosen „Runden Tischeck“, der sich endgültig erst nächste Woche wird darauf prüfen lassen können, ob ihm noch eine neue Zahnreihe wachsen kann, gelang den Studenten bei dieser Sitzung wenigstens ein empfehlender Satz, der – es gibt solche Sätze – bereits Jahre an Anstrengung und Aktivität gekostet hat und auch diesmal noch lange nicht das angezielte Ergebnis zu bringen in der Lage sein wird. Trotzdem läßt sich nicht verheimlichen, daß der Satz ein erster Schritt und erster Beginn einer Verständigung sein kann. Die Studenten erreichten die Empfehlung des AS an die Fachbereichsräte, bei dem „nun in Gang kommenden Reformprozeß der Bachelor- und Magisterstudiengänge“ detaillierter und kritischer als bisher zu prüfen, bei welchen Veranstaltungsarten tatsächlich eine Anwesenheitspflicht unverzichtbar ist. Darin erschöpfte sich aber auch – inmitten einer Welle von Universitätsbesetzungen, trotz aktuellen Stunden auf Bundestags- und Länderebene – die Geduld des Gremiums. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Anwesenden 4 Stunden lang debattiert, der Antrag auf die Terminfestlegung einer Folgesitzung, in der eine Reihe an diesem Tag unbesprochen gebliebener studentischer Forderungen auf die Tagesordnung sollte, wurde schlicht ignoriert, die Sitzung unter studentischem Protest (es wurde der abends zuvor im besetzten Hörsaal für einen solchen Fall der Fälle getextete Song „Der AS, der AS, der hat immer Recht…“ gesungen) beendet.

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Den Ergebnissen dieses Morgens werden die Studenten selbst schwerlich anders als gespalten gegenüber stehen können. Einerseits läßt sich nicht verheimlichen, daß die studentischen Stimmen heute anders gehört wurden als zu Zeiten gefestigter Machthierarchien unter Lenzen und in ruhigen, streiklosen Zeiten. Sicherlich haben die Studierenden nun etwas, was ihnen allen am Herzen lag – erste präsentierbare, wenn auch noch sehr zaghafte Ergebnisse. Einer ihrer Hauptforderungen sind sie nun ein kleines, ein Trippel-Schrittchen näher gekommen. Ihre studierenden Kollegen werden die Empfehlung zum Anwesenheitsplichtverzicht, der in den vergangenen Jahren immer lauter eingefordert wurde, mit Erleichterung lesen – ein ganzer Katalog weiterer, nicht minder drängender Forderungen steht jedoch noch vor ihnen und drängt auf Befassung. Sicherlich ist der Rahmen eines Tischeckchens nicht der „Runde Tisch“, der die studentischen Anliegen angemessen zu Sprache und Geltung hätte bringen können –  sie werden ein gehöriges Stück Energie investieren müssen, um am kommenden Montagmorgen die Ecken des Tischchens wenigstens ansatzweise anzurunden.

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edit wn030 – nach dem abendplenum des 30.11. im besetzten hörsaal 1A teilen die studierenden mit, daß sie sich bemühen wollen, den runden tisch bei ausreichend großer teilnahme am kommenden montagmorgen in den henry-ford-audimax zu verlegen. ort und zeit daher für alle interessierten an dieser stelle: nächster montag, 7.12.09, 8h. empfohlener treffpunkt dafür: sonntagabends zum abendplenum zwischen 18 und 20 uhr. die studierenden teilen mit, daß im hörsaal das dach noch nicht durchregnet, die heizung noch läuft, daß (wenn der vokükoch gnädig gestimmt ist) gelegentlich ein bissen verpflegung  für besucher abfallen kann und generell  eine anschließende übernachtung immer noch besser ist, als in dunkler, kalter, winterlicher morgenstunde müde und schlaftrunken von “der stadt aus” zum runden tisch loszuziehen.

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edit: am 2.12. wird beim abendplenum eine änderung der o.a. sitzverteilung mitgeteilt

edit 2 (8.12.) – das erste treffen des runden tisches ergab a) einen themen-fahrplan für die nächsten wochen und b) die erkenntnis, daß es zu viele drängende themen sind, als daß ein termin pro woche reichen würde. seit dem 7.12. trifft sich der runde tisch an der FU daher zweimal wöchentlich, montags früh sowie freitags nachmittags. hier sind alle weiteren details zu finden (genaue termine, raumangaben, liste der am 7.12. beschlossenen themen)

shortlink: http://wp.me/psdI6-By

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Written by wn030

November 30, 2009 at 6:08 pm

“Streiks an Berliner Universitäten” – Wie fing das an der FU an? – ein Beitrag von j.r. zum Beginn der FU-Besetzung am 11.11.

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j.r. hat wn030 bei der einsendung nicht detaillierter darüber informiert, ob er/sie seinen/ihren beitrag als mit “textcode option” eingereichten text veröffentlicht sehen möchte, zur sicherheit entscheiden wir das für j.r. – daher an konkurrenzmedien: bitte bei reprintinteresse unter den in “about” (navigationsleiste) sichtbaren mailadressen mit uns in verbindung setzen.

beitrag urheberrechtlich geschützt. textcode option. beitrag vom 12.november 2009. verlinkung erfolgt durch wn030

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Streiks an Berliner Universitäten

An der Freien Universität Berlin (FU) ist das Präsidium bisher auf keine einzige der Forderungen aus den Juni-Streiks, darunter die Abschaffung der Anwesenheitskontrollen sowie die Lockerung der rigiden Regelstudienzeiten, eingegangen. Aufgrund mangelnder zu erwartenden Unterstützung erschien dem wöchentlichen Treffen des Bildungsstreikbündnisses an der Universität eine erneute Streikbesetzung noch vor Tagen aussichtslos.

foto: vollversammlung an der FU. foto urheberrechtlich geschützt, click for details.

Nachdem Einzelne vor einer Woche dennoch ein Zeltlager im Foyer der Uni aufschlugen und die gestrige nun einberufene Vollversammlung den großen Hörsaal mit über 600 Studierenden füllte, kippte die Stimmung. Während der Sitzung am 11. November, auf der Streikende unter anderem aus Wien und Potsdam sprachen und das im Putzstreik befindliche Personal der Gebäudereinigung sowie des Studienwerks sich solidarisch erklärten, erreichte die Studierenden die Nachricht von weiteren Besetzungen in Östereich, wo der Streik sich mittlerweile auf nahezu alle Universitäten ausgeweitet hat. Auf dem Abendplenum, zu dem sich auch das Präsidium, vertreten durch die Vizepräsidentin Fr. Dr. Lehmkuhl, eingefunden hatte, konnte die Besetzung des Audimax schnell beschlossen werden. Die umgehend ausgeführte Besetzung wird durch die Hochschulleitung erklärter maßen bis zur bundesweiten Bildungsstreikdemonstration am 17. November geduldet.

Auch an der Humboldt-Universität wurde in einer Vollversammlung am Abend des selben Tages die Besetzung des Audimax beschlossen und anschließend durchgeführt. Neben anderen erfreulichen Redebeiträgen berichteten Gewerkschafter_innen vom Erfolg der studentischen Solidarisierung mit dem Arbeitskampf des Studentenwerks Ende September, Streikende überbrachten Grüße aus Wien und eine kurze Live-Schaltung zu den Streikenden in Heidelberg konnte ebenfalls eingerichtet werden.

Im Fall der HU aber hat die Universitätsleitung – verantwortlich ist hier Hr. Markschies – die Polizei in Bewegung gesetzt, die den Gebäudekomplex kurze Zeit später mit mehreren Einsatzwagen abriegelte. Nach Verhandlungen mit den Streikenden wird von einer Räumung bis heute (Donnerstag) um 8.00 Uhr vorläufig abgesehen. Was danach geschieht ist ungewiss.

Unter den Juni-Forderungen der HU findet sich lediglich jene eine nach der Abschaffung von „Funktionsstörungsattesten“, der bisher entsprochen wurde. Es gibt weiterhin allen Grund zu streiken. Eine oft geäußerte Klage ist, dass für ein selbst-bestimmtes Lernen und die Reflexion auch von übergreifenden Zusammenhängen unter den neuen Studienordnungen keine Zeit bleibt.

Zugleich erschweren die exorbitante Arbeitslast und der erhöhte Konkurrenzdruck in den neuen Bachelorstudiengängen (durch zu wenige Plätze in den anschließenden Masterstudiengängen) auch eine solidarische Organisierung gegen eben jene Missstände merklich. Nicht nur den Studierenden auch der psychologischen Beratung der HU geben die neuen Bachelor-/Masterstudiengänge alle Hände voll zu tun. Sie sind darauf angelegt, dass ein erheblicher Teil der Studierenden unter der permanenten Überlastung einknickt und spätestens nach dem Bachelor ausschert.

Verwundern darf dies allerdings nicht. Um Selbstbestimmung, Reflexion und Mündigkeit der Studierenden ist es der Institution Universität gar nicht zu tun. Das belegen nicht zuletzt die fehlenden Mitbestimmungsrechte derer, um die und deren Zukunft es im Studium in erster Linie geht, die in ihm aber vor allem als Objekte eines rigiden Lehrbetriebs aufzutauchen scheinen. So möchte man meinen, die Objektive eines Studiums ist es vor allem, die Studierenden zu „Humankapital“ für den nationalen Wirtschaftsstandort heranzubilden oder zu züchten, das sich möglichst reibungslos seinem eigenen Verwertungsprozess ein- und unterordnet. Dagegen zu streiken, ist eine Forderung der Logik selbst, zu der die Universität heute wieder mehr denn bisher in Widerspruch geraten ist.

Für heute (Donnerstag den 12. November) ist eine Studierendenversammlung auch an der TU geplant. Da hier zur entsprechenden Zeit kein großer Hörsaal zur Verfügung steht, könnte das Raumfindungsproblem, als erster Punkt auf der Tagesordnung stehen.

j.r.

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2. beitrag mit textcode option. ebenfalls ein urheberrechtlich geschützter text. datum: 27.11.09 betreff: passend. zum abend des 11.11.09

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Geteilte Länder unter Dialogentzug

zum Gespräch zwischen Lehmkuhl und Studierenden der FU vom Abend des 11. November 2009

Der Saal brodelt. Wenige Stunden zuvor hatten Studierende der Freien Universität Berlin mit eindeutiger Mehrheit (Enthaltungen im Promillebereich) die Besetzung des FU-Audimax (Hörsaal 1A, FU-Hauptgebäude) beschlossen. Sie hatten sich – im kurz vor dem angekündigten Erscheinen von Präsidiumsvertretern anberaumten und sehr gut besuchten Abendplenum – ebenso eindeutig für gänzlich offene Plena, mit Teilnahme von Präsidiumangehörigen und Medien, per Abstimmung ausgesprochen,. Nun wird das Gespräch mit Ursula Lehmkuhl,der ersten Vizepräsidentin an der FU, erwartet.

Um 20 Uhr beginnt das Gespräch. Nach einem Umlenkungsversuch wird dem Präsidium mitgeteilt, daß die Studenten keinen Umzug wünschen, sie bleiben im besetzten Raum. An den Umlenkungsversuch (die Studierenden sollten ins Seminarzentrum gelockt werden) schließt sich eine interessante Debatte zur Dialogfähigkeit zwischen Präsidiumsvertretern und -angehörigen an. Hintergrund ist die Information, daß zur Selben Zeit die Humboldt-Universität von Polizei umstellt ist, Studierende nicht in die Universität gelassen werden und eine Räumung eingeleitet wird.

Ein Student spricht Ursula Lehmkuhl auf die Problematik an und fragt an, ob die Verständigung zwischen der FU- und HU-Präsidiumsetage im Rahmen des Wahrscheinlichen liege. Die Vizepräsidentin antwortet ablehnend mit der Begründung, daß dies der Einmischung in die Entscheidungen “eines anderen Staates” gleiche, was sich in ihren Augen von selbst verbiete. Der Student hakt nach und erinnert, daß seines Wissens nach der Dialog durchaus im Interesse von Staaten liege und erbittet eine weitere Antwort. Frau Lehmkuhl reagiert während des Redebeitrags des Studenten eigentümlich, es ist ein kurzes Auflachen zu vermerken, ein Lachen, das die Studenten im Raum nicht gewillt sind, mit ihr zu teilen.

Es ist festzustellen, daß zum Zeitpunkt des Gesprächs in der Präsidiumsetage ein Geist zu herrschen scheint, den die Studierenden mit gutem Recht als durchaus fragwürdig bezeichnen könnten: der Geist geteilter Staaten im Kriegszustand, mit dazwischen liegenden Mauern, Dialogverboten und gestörten Telefonverbindungen. Eine beängstigende Vorstellung in einem Land, das wenige Wochen zuvor das 20jährige Jubiläum einer Wiedervereinigung gefeiert hat (einer Wiedervereinigung mithin, die selbst in Blättern wie der Berliner Zeitung noch im ersten halben Jahrzehnt danach offen als Annexion bezeichnet werden konnte) – nun könnten die Studenten fragen, welche ‘Wahrheit’ zur Abwechslung heute gelte.

Die Vizepräsidentin läßt die Frage des Studenten unbeantwortet. Was ihr den Dialog verbiete, bleibt im Vagen, die Studenten in ihrem Dilemma gefangen: sie brauchen für alle Eventualitäten (nicht ausschließbare plötzliche Meinungsumschwünge im Präsidium) genügend Personen im Raum selbst. Gleichzeitig brauchen ihre studentischen Kollegen in der Humboldt Universität Verstärkung. Trotz der auch für die FU-Studenten nicht ungefährlichen Situation zieht eine Gruppe von Studierenden los, im Laufe des Abends laufen widersprüchliche Meldungen durch die twitter-Kanäle. Erst im Laufe der späten Nacht kommt die Entwarnung – die Humboldt-Universität wird nicht geräumt, die Polizei zieht ab. Der wiedererwachenden oder neu bedachten Dialogfähigkeit des FU-Präsidiums dürfte dies aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu verdanken sein.

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Vollversammlung mal ohne vollen Bauch – FU-Studenten entscheiden sich für „Solidarisierung konkret“

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(urheberrechtlich geschützter beitrag. textcode option.)

Vollversammlung mal ohne vollen Bauch

FU-Studenten entscheiden sich für „Solidarisierung konkret“

Früher Nachmittag an der (Werbe)Freien Universität Berlin. Soeben ist die dritte Vollversammlung seit Beginn der Besetzung des Hörsaals 1A zu Ende gegangen, die Studierenden zählen weit über 1.000 Teilnehmer. Sie haben die Ergebnisse der Arbeitsgruppen angehört, wurden über die herannahende Bildungsgipfelwoche informiert und erhielten die Einladungen der AG Ziviler Ungehorsam zu einer Bildungstribunal-Aktion vor der Bertelsmann-Stiftung am 2.12. Eine studentische Vollversammlung, an der streikende, bei ver.di organisierte Mitarbeiter des Studentenwerks zu Gast waren und verblüfft der Aufzählung von über 70 besetzten Universitäten bundesweit folgen konnten. Eine Vollversammlung an ungewohntem Ort – sie wurde spontan, anläßlich des für heute ausgerufenen Warnstreiks des Studentenwerks in die Mensa des Hauptgebäudes Silberlaube gelegt.

Foto: Anna Panek

Der Entschluß, diese Vollversammlung in die Mensa zu verlegen, fiel nach langer Diskussion erst am Vorabend, nach Auskunft institutionell erfahrener Studenten unter wachsamen Augen von Vertretern des Präsidiums, das einen Vertreter der Rechtsabteilung zu Beginn dieser Sitzung in den Saal geschickt hatte. Die Diskussion zog sich lange hin, da die Alternative (Vollversammlung nach bekannter Prozedur, mit Präsentation von Ergebnissen dieser Woche, knapp zusammengefaßt und auf eine Stunde Gesamtlänge gekürzt, mit gemeinsamem Hinübergehen zur Mensa kurz nach 13 Uhr) vielen Teilnehmern des Entscheidungsplenums sinnvoller schien: die Studierenden hatten sich lange auf diese Versammlung vorbereitet und der gemeinsame Raumwechsel sollte in der geballten Sammlung der Menschenmenge eine zusätzliche Bewegung in die Universitätsflure bringen.

Kurz nach 10 Uhr abends, als die Entscheidung endlich gefallen war, erreichte ein Anruf von ver.di den Plenarsaal mit der offiziellen Begrüßung der Umzugsidee. Vertreter dieser Lösung hatten das Abendplenum zuvor darauf aufmerksam gemacht, wie singulär das Geschehen ist: ein Streik des Studentenwerks, der mitten im Bildungsstreik, mitten in der Besetzungsphase und als Warnstreik genau während der Vollversammlung stattfindet, sollte nicht als Chance verpaßt werden, zuvor ausgesprochene und per Abstimmung bekräftigte Solidarität real sichtbar und spürbar werden zu lassen. Das Plenum beriet und begann nach Ende der Diskussionen und Planungs-Vorgespräche um Mitternacht mit den Details – neue Plakate und Flugblätter mußten entworfen und noch in derselben Nacht kopiert werden, auch die konkrete Organisation der in die FU-Hauptmensa zu verfrachtenden Technik für die Vollversammlung galt es zu durchdenken. Die FU-Studenten sind in solchen Fällen gerne sehr gründlich, vor allem, wenn gemunkelt wird, daß Medien zu erwarten sind, die während des Warnstreiks schwerlich mit Verweisen auf „Hausrechte“, „Störung universitären Lehrbetriebs“ oder „Gefährliche Kabelverlegung“ zu zensieren sein würden.

Mittenrein in das aufgeregte Umplanen platzt noch der polnische Schreiber eines ostdeutschen Regionalblatts, für den die anwesenden Studenten lachend extra für Aufnahmen in den Sitzreihen posieren – besondere Heiterkeit ruft dabei das ahnungslose Zurückwinken des fotografierenden Regionalberichterstatters aus, als die Studenten seinem Kamera-Auge das studentische Zustimmungszeichen vormachen. Sie bemühen sich nach Kräften, den medial vermittelten Kontakt zur Außenwelt vor den Unitüren nicht abreißen zu lassen – eine nicht irrelevante Aufgabe angesichts des Zusammenhangs zwischen ihren konkreten studienbezogenen Forderungen und innen-, außen- wie finanzpolitischer Entscheidungsfindung außerhalb der Hochschulwelt.

Am nächsten Morgen zeigen sich die Studenten, die sich in einem 10-Uhr-morgens-Vorplenum noch über letzte Organisationsdetails verständigt hatten, selbst überrascht über den nahtlosen Ablauf der ‘praktischen Solidarisierung’, die sie – noch als rein schriftliche Ein-Satz-Aussage – in der vorangegangenen Vollversammlung beschlossen hatten. Die Studierenendengruppen teilten sich danach rasch zu Gruppen auf die Funktionen „Plakate kleben“, „Technik organisieren“, „Dokumentation“ und „Hilfestellung gegen Streikbrecher“ auf und begannen mit nur leichter Verspätung in einem sonnendurchfluteten Raum, den sonst kühles Geschirrklappern und beherrscht-höflicher small-talk füllt. Die „Überflüssigen“ stießen als Hilfestellung zur Hilfestellung gegen Streikbrecher noch hinzu und fegten letzte studentische Querulanten und sture wissenschaftliche Mitarbeiter aus dem Mensa-Kassenraum, die sich noch Hoffnungen auf ein Mittagessen nach Fahrplan gemacht hatten. Danach konnten die noch unorganisierten Mitarbeiter den Kassenraum endgültig dichtmachen.

Andre Pollmann, ver.di-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich für Bildung, Wissenschaft und Forschung, freut sich über die „spontane Kettenreaktion“ des Tages. „Es hat ja niemand von uns genau gewußt, was genau passiert und wie es ablaufen wird. Die Entscheidung des Vorabends war nur eine vage Planung – daß es schließlich so erfolgreich wurde, war für uns alle überraschend.“ Pollmann (im verlinkten Bild mittig mit Flüstertüte) plädiert für eine stärkere Vernetzung zwischen studentischem und gewerkschaftlichem Protest, er verweist auf ihren gemeinsamen Nenner: „der Protest der Studenten ist die notwendige Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen, deren Auswirkungen wir alle spüren“.

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Wir werden´s schon aussitzen – Vertreter des Akademischen Senats der FU bemüht universitäres Sitzfleisch gegen das Sitzfleisch der Besetzer

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(urheberrechtlich geschützter beitrag. textcode option. Berlin, 26.11.2009)

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Wir werden´s schon aussitzen

Vertreter des Akademischen Senats der FU bemüht universitäres Sitzfleisch gegen das Sitzfleisch der Besetzer

Bei einem Gespräch zwischen den Besetzern des Hörsaals 1A in der (Werbe)Freien Universität Berlin mit einem Mitglied des Akademischen Senats, Michael Bongardt, wurde den Studierenden am Donnerstagabend, wenige Stunden nach einer für die Studenten äußerst erfolgreichen Vollversammlung mit über 1000 Teilnehmern signalisiert, daß sie vorläufig mit keinem Einlenken, zumindest nicht seitens des Akademischen Senats zu rechnen haben. Das Gespräch, das sich auf eine der studentischen Hauptforderungen konzentrierte, die Abschaffung von Anwesenheitskontrollen, war beherrscht von einem recht bequem wirkenden Delegieren der Verantwortung für diese Entscheidung an Fachbereiche und Dozenten (von denen die Mehrzahl wiederum sich nach Studentenaussagen von verordneten Richtlinien kaum zu lösen traut und nur selten auf betroffene Einzelfälle, wie berufstätige Studenten und studierende Eltern eingeht).

Die Studenten appellierten an Bongardt, den Akademischen Senat ein eindeutiges Signal aussprechen zu lassen, das die Fachbereiche zur Lockerung ihrer Regelungen zu animieren in der Lage wäre. Bongardt ließ die Appelle an sich abprallen und legte den Studenten in sehr höflichen Worten nahe, Aufforderungen dieser Art zu unterlassen, da Anwesenheitslisten in einigen Fachbereichen eine durchaus empfehlenswerte Methode seien, Studierende zur Teilnahme an wichtigen Veranstaltungen zu überzeugen. Darin stecke die Unterstellung, Studenten nähmen an Veranstaltungen nicht teil, wenn man sie nicht kontrolliere, antworten die Studierenden.

Als Reaktion auf studentisches Nachhaken lenkte Bongardt die Aufmerksamkeit auf das Teilzeitstudium als Lösung für Studenten, die arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren oder für die von Anwesenheitskontrollen ebenfalls besonders betroffenen studierenden Eltern – ein recht kläglicher Vorschlag für jeden Studenten, der zu Beginn eines Semesters nicht absehen kann, wann der Chef ihn oder sie zu einer unvorhergesehenen Extraschicht ins Büro beordert und damit zur Wiederholung eines ganzen Semesters zwingt, weil die benötigte Anwesenheitsunterschrift fehlt – und zwar vollkommen unabhängig davon, ob die entsprechende Veranstaltung nun Teil eines Voll- oder Teilzeitstudiums war. Deutlich zu spüren war der überraschend onkelhafte Ton in Begründungen wie dem Verweis auf bestimmte Studiengänge, die Anwesenheitskontrollen notwendiger machen würden als andere. Die anwesenden Studenten sprachen sich in vielen Wortbeiträgen deutlich gegen die Untergrabung ihrer Eigenverantwortung aus: „wir können selbstverantwortlich entscheiden, ob wir uns den Abschluß einer Veranstaltung trotz Fehlzeiten zutrauen oder nicht, wir brauchen keinen Professor, der das für uns übernimmt“, sagte eine Studentin.

Falls die Studenten bei dieser Protestwelle konkrete Ergebnisse erzielen wollen, werden sie in nächster Zukunft zwei Aufgaben gleichzeitig bewältigen müssen – einerseits während der zur Bildungsgipfelwoche an der FU parallel weiterlaufenden Phase der Ausarbeitung von Durchsetzungsstrategien die Konzentration auf ihre Arbeit nicht zu verlieren, zu der auch der Schutz vor internen Auflösungserscheinungen gehört – wie z.B. vor singulären personellen Ermüdungen, denen mit 1-2tätigen Streikpausen Einzelner leicht begegnet werden kann – andererseits aber auch ihrem Präsidium möglichst deutlich zu vermitteln, daß ein Einlenken der Institution notwendig sein wird, wenn die Universität den Hörsaal 1A  jemals wieder für Vorlesungen nutzen will.

Während der für kommenden Montagmorgen anberaumten Dringlichkeitssitzung wird sich der Akademische Senat mit studentischen Anträgen anläßlich des jüngsten Bildungsstreiks sowie mit dem Leben nach Lenzen beschäftigen: „Prozedere der Hochschulleitung nach der Wahl des Präsidenten der Freien Universität Berlin zum Präsidenten der Universität Hamburg“ lautet der ebenfalls mit Spannung erwarte Tagesordnungspunkt 2 dieses Tages.

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Written by wn030

November 26, 2009 at 9:56 pm

Besetzte FU: Umsetzung oder die Kunst der Überzeugungs-Strategie

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Umsetzung oder die Kunst der Überzeugungs-Strategie

FU-Studenten gehen in die Umsetzungsphase. Wie vermitteln sie ihrem Präsidium, daß ihre Forderungen diesmal schwerlich in den Papiermüll passen werden?

Diesiges Wetter, Mittwochnachmittag, den besetzten Plenarsaal an der FU füllt das leise Klicken von Tastaturen. Auf den Monitoren erscheinen die Adminseiten universitärer Protestlisten, der Administrationszugang zu bildungsstreik-berlin.de, ab und an klicken Studenten auch auf die „letzten Anderungen“ des angeschlossenen und bundesweit vernetzten Wikis. Was tut sich hier, zwischen Klickgeräuschen und leisen Direktgesprächen zwischen AG-Vertretern, Veranstaltungsorganisatoren, Voküköchen und diversen hilfsbereiten und regelmäßig vorbeischauenden weiteren Studenten?

Bei der letzten Vollversammlung in diesem Hörsaal, der zweiten seit Beginn der Besetzung, haben die Studenten ihren schon-Bachelor-Leidenskollegen und noch-immer-Magisteranwärtern ein Konzept vorgestellt, mit dem sie die studentischen, FU-internen und doch die gesellschaftlichen Verhältnisse direkt widerspiegelnden Hauptforderungen zur Umsetzung bringen wollen. Für die (morgige/heutige->ist am Donnerstag) 3. Vollversammlung ist die Vorstellung erster Ergebnisse der am Dienstag offiziell eingeläuteten stille Umsetzungs-Kampfphase eingeplant. Den Studenten ist es sehr wichtig, ihre Besetzung allwöchentlich von ihrer Basis abstimmen und sich damit das klare grüne Licht für die Fortsetzung ihrer Arbeit allwöchentlich bestätigen zu lassen.

Zu den stärksten Forderungen gehört an der FU der Kampf gegen Anwesenheitskontrollen, die arbeitenden („jobbenden“) Studierenden sowie Studierenden mit Kindern die Teilnahme am universitären Arbeitsalltag und schlicht den Abschluß ihres Studiums erschwert, in besonders betroffenen Fällen sogar unmöglich macht. Gleichzeitig schwelt in dieser Forderung der Kampf um eine stärkere Selbstbestimmung des Studiums mit – Studenten, die in Bibliotheken lieber gründlich an Hausarbeiten arbeiten als sich in schnell gebastelten Referaten zu verlieren oder in Seminardiskussionen zu zerfasern, die als Wissensanwerbungsmittel spätestens in der letzten Studienphase durchaus ermüden können, unterstützen diese Forderung daher mit Nachdruck.

Die Studenten teilen die Kampfpunkte in „Schwerpunkte der Woche“ ein. Die zweite schwere Forderung des Katalogs, der Druckaufbau gegen die fortschreitende Verschulung des Studiums nach seiner Einführung in den einzelnen Instituten, wendet sich gegen „Leisstungskontrollen“, unter welchem Begriff sich Klausuren und Zwischentests in Studienjahre eingeschlichen haben.

Forderungen dieses Stils sind, so die Studenten, von der Institution Universität in kürzester Zeit einlösbar – es handelt sich hier um „reine Formalien“, wie bei ihren Abendplena immer wieder zu hören ist, die bis zum Beginn der offiziellen Bildungsgipfel-Woche an der FU täglich um 18 Uhr stattfinden, sich danach an 18h-Veranstaltungen im besetzten Hörsaal anschließen. Sie beziehen sich bei dieser Bezeichnung auf mehrere Argumente: einerseits sei die Einführung von Anwesenheitspflicht und -kontrollen ebenfalls eine solch rasch durchgedrückte Formalie, andererseits zeigen die Erfahrungen in verschiedenen Instituten, wie stark sich auch Professoren und Dozenten vereinzelt gegen die Idee eines reinen Seminarsitzstudiums wehren – auf Unterschriftenlisten wird in einigen Seminaren stellenweise ganz verzichtet, stellenweise werden sie so geführt, daß ein Student leicht Veranstaltungen nachtragen kann. Andere Dozenten wiederum atmen auf, wenn auch ihre Liste „endlich geklaut wurde“, eine seit Jahren von findigen Studenten fortlaufend gepflegte Durchsetzungsstrategie. Den Studenten geht es nun darum, den Dozenten auf ihrer Seite den gewünschten Verzicht auf Anwesenheitslisten zu erleichtern, indem er endlich legitimiert wird, den hörigen Dozenten wiederum durch die Abschaffung der Anwessenheitspflicht ein weiteres Erschweren ihres Studiums zu unterbinden.

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Entwerbungsaktion – Work in progress gegen Werbemüll an der Freien Universität Berlin

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Entwerbungsaktion.

Work in progress gegen Werbemüll an der Freien Universität Berlin

Ein energiegeladener Morgen am Tag nach dem Beginn der Besetzung des Hörsaals 1A an der (Werbe)Freien Universität Berlin. Tags zuvor haben Studenten mit mehr als eindeutiger Mehrheit die Besetzung per Wahl beschlossen, nun machen sich die ersten Übernachter zusammen mit frühen Gästen nach dem Morgenkaffee und einem schnellen Frühstück an die konkrete Arbeit. Da es schwer fällt, in einer von Werbeplakaten zugemüllten Universität inhaltlich an Forderungen und ihrer Umsetzung zu arbeiten, beginnen sie mit einer diesmal personell stark angewachsenen Entwerbungsaktion – traditionell ein aktivistischer Semesterbeginn – bei der die Gänge des Hauptgebäudes um A0-Werbeplakate erleichtert werden. Die Plakate werden im Anschluß zu einem Stapel verwertbaren Materials gesammelt – O2 hatte die Rückseite der Werbeplakate unvorsichtigerweise weiß, somit beschreibbar und bemalbar belassen.

Mitten in das Geschehen platzt noch am selben Morgen eine Firma, die just an diesem Tag „Promotion-Tütchen“ an die Studenten verteilen will – auch dies eine die Studenten durchaus störende, regelmäßig in den ersten Semesterwochen wiederholte Werbeaktion. Die Tütchen sind mit Werbegeschenken angefüllt: Lauch-Tütensuppen, für die man laut Rezept Lauch hinzukaufen muß, um die „Lauch-Tütensuppen“ zubereiten zu können (Inhalt: Mehl mit Geschmacksverstärkern und Gewürzersatzmitteln), Werbeausgaben von Männer- und Frauenmagazinen (die Tüten sind nach Geschlechtern sortiert, es gibt Männertütenpakete und Frauentütenpakete), Stifte, Seife und natürlich Bräunungsmittel.

Die Studenten stürzen sich auf die noch unverteilten, gestapelten, frisch antransportierten Pakete und retten sie vor dem achtlosen Zerstreuen an Studenten, die Besseres zu tun haben, als nach Lauch für „Lauch-Tütensuppen“ zu suchen oder sich Bräunungscreme ins Gesicht zu schmieren, damit man die Bibliotheksblässe nicht so stark sieht. Sie trennen den Inhalt nach „Schrott plus Müll“ und Verwertbares, vorläufig wird auch das „Mehl mit Geschmacksverstärkern“ in die Kisten mit verwertbarem Material sortiert. Sie entledigen sich der Mode- und Kosmetikwerbungmagazine ebenso wie diverser Werbeflyer, packen die Seifen zum Stapel „praktisch für Besetzungen“ und sortieren die Kugelschreiber aufmerksam in die Ecke „äußerst wertvoll, werden noch benötigt“. Eine Tüte mit Gewürzmittelmehl und Seifen landet noch am selben Abend im besetzten Audimax der FU, als ‘Carepaket’ voller Raubgut. Es ist zu spüren, daß die Energie der Studierenden trotz neuer Studentengenerationen seit dem „NoLogo-Aktionstag“ 2005 nicht ernsthaft abgenommen hat, ganz im Gegenteil. Am Ende ist noch genug Spaß und Laune da, um als Gruppe performancekunst-begabter Studis einen schwarzen Müllcontainer voller Aktionsrestmüll (leere Papptüten und Hochglanzwerbemagazine) durch Mensa und Unigänge zu fahren. Innendrin ein mit Papiermüll beklebter, laut sein Leid ausrufender Student, auf dessen Brust das Wort „Konsumopfer“ prangt.

Die Studierenden begründen ihre Ablehnung der Werbung auf Hochschulgelände mit der Forderung nach einer Korrektur des Bildungsetats: „den Bildungseinrichtungen werden zuerst die Mittel gekürzt, dann klebt man Studenten und Schülern die Gänge ihrer Unis und Schulen mit Werbung voll und behauptet noch, das sei zu ihrem Gunsten – unmöglich“, beschwert sich eine teilnehmende Studentin. „Wir fordern eine radikale Kürzung des Rüstungsetats und eine Umlenkung der Gelder in die Töpfe, die das Geld wirklich brauchen, benötigen und die v.a. auch in der Lage sind, daraus Konstruktives herzustellen“.

Die Richtung der Kritik, die Formulierungen ihrer Begründung, Stil und Form der Aktivitäten sind vielfältig. Im Kern aber überschneiden sich die Stimmen – sei es, daß die Universität als ein dem Geist frei zu bleibender Raum eingefordert wird, der vor dem alltagsbeherrschenden Kosten-Nutzen-Kauf-und-Verkauf-Denken geschützt werden kann, sei es, daß auf die Werbung auf Universitätsgelände als Begleiterscheinung politischer Etatverteilungs-Fehlentscheidungen aufmerksam gemacht wird.

Beobachtet man den studentischen Einsatz gegen Werbung an der Uni, so stellen sich von Semester zu Semester variierende stilistische Mittel ein – war es 2005 die NoLogo-Aktion mit sichtbarer und Spuren hinterlassender Zerstörung der Werbeplakate, so folgten ihr im Folgesemester Aktionen, bei denen Studenten mit einem die Werbung überklebenden, kurz mit kritischen Sätzen informierenden A4-Blatt gegen Werbemüll zu Felde zogen. Es folgten Semester, in denen Studenten versuchten, nach Entfernung von Werbung aus den für sie vorgesehenen Aluminiumrahmen Alternativinhalte zu bieten: sie setzten informative studentische Plakate ein, betätigten sich künstlerisch oder hinterließen Statements mit dicken schwarzen Eddings.

Die während der Besetzung fortlaufend weitergeführte Entwerbungsaktion ist natürlich mit diesen Ansätzen nicht zu vergleichen – sie baut zwar inhaltlich auf den langen Vorbereitungen der letzten Jahre auf, kann jedoch, in ihrer personellen Stärke, nur während einer solchen Besetzung so bleibend und gründlich durchgeführt werden wie diesmal. Die Studenten erreichten eine „Entwerbung“ aller Flure im Hauptgebäude – ein Kraftakt, der von locker vernetzten Studierenden sonst in kleineren Aktionen immer nur stückweise vollbracht werden konnte, der Kampf um jeden einzelnen Alurahmen gefährlich war (die Security in der Universität stand in vorangegangenen Semestern durchaus nicht ungespalten hinter der studentischen Kritik, was zuweilen selbst bis zur Zuführung an die Polizei und Erkennungsdienstlichen Maßnahmen führte) und täglich von Neuem in Angriff genommen werden mußte.

Knapp eine Woche nach Beginn gibt sich den Studenten die Gelegenheit zu einem starken zweiten Teil ihrer Entwerbungs-Aktionskette. Eine Pizzakette, die keine Pizzas, dafür aber Adventskalender für ein perfektes Geschenk an Volljährige auf dem Weg zur Bibliothek hält, wird wird um ganze Stapeltürme an Paketen erleichtert. Diese Pakete werden zum Teil ebenfalls getrennt – durchsichtige Plastiktüten, in die die Kalender einzeln gepackt sind (um ja kein Verpackungsmaterial bei der Promotion zu vergeuden), erweisen sich als perfekte studentische „Briefkästen“ für die Verteilung von Flugblättern an einzelne Institute – Briefkästen, die reziprok sind, nebenbei bemerkt, sie sollen studentische Stimmen einsammeln, neu hineinzunehmende, bisher vergessene Forderungen, dringende Kritikpunkte am Studienplan, studentisch Relevantes. Der Inhalt der Plastiktüten, die Adventskalender selbst, sind von den Studierenden für das Kinderhilfswerk bestimmt worden.

Die betroffene Pizzakette schickte übrigens noch am selben Tag eine mit einem Smiley geschmückte Solidarisierungs-Email – vermutlich als Entschuldigung für das allzu rasche Heranrufen der Polizei durch einen Pizzaketten-Mitarbeiter, bis sich der Verzicht auf eine Anzeige im vor mehreren herumstehenden Zeugen geführten Handygespräch mit seinem Arbeitgeber als vernünftigere Reaktion auf die studentische Spontanaktion herauskristallisiert hatte.

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Brunnenstraße geräumt – 24.11.2009, ein Dienstagabend in Berlin-Mitte

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[faules flußpferd in eile für wn030]

Am heutigen 24.11.09 beförderte die Berliner Polizei um17:30h die letzten Bewohner aus dem Haus an der Brunnenstraße 183, einer Immobilie des Passauer Artztes Manfred Kronawitter, der noch im Mai dieses Jahres Signale gegeben hatte (siehe auf verlinkter seite update w.u. v. 28.5.09), sich eventuell überreden zu lassen, selbst aktiver bei der Suche nach einem Alternativgebäude für seine Pläne tätig zu werden. Zu den besonders betroffenen Personen (Einzelabführung, Verfrachtung in einen der auf einem Nachbarhof geparkten Polizeieinsatzfahrzeuge, zu dem der Zugang auch Medienvertretern verwehrt wurde) zählte ein gegen Nazistrukturen, gegen die schleichende Normalisierung des Militarismus und für alternative Lebenskonzepte aktiver Bürger. Weitere besondere Aufmerksamkeit bei dieser Aktion verdient der umsichtige und pflegliche Umgang der zur Räumung bestellten Handwerker mit dem Gebäude: vor Ort versammelte Medien dokumentierten die Zerstörung von Fensterrahmen und Böden im Haus. Vor Ort wurden kurz vor 18h des Abends Feuerwehrautos gesichtet, was Vermutungen Raum läßt, das Haus solle zwecks endgültiger Unbewohnbarmachung unter Wasser gesetzt werden. Das Abendplenum an der Humboldt Universität lauschte dem Kurzbericht eines Schülers zum Geschehen, es wird auf nächste Informationen zu Gegenaktionen gewartet.

Foto: urheberrechtlich geschützt. Details per Klick.

update 27.11.2009 – auf indymedia erscheint eine erste hochrechnung der proteste gegen die räumung.

Written by wn030

November 24, 2009 at 7:06 pm