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“Kleine” Vorfälle am Rande der heutigen ENT-FÜHRUNGsaktion

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Berlin, vor dem Adlon, 20.11.09

text von faules flußpferd für wn030

Am Rande der heutigen Ent-Führungsaktion, bei der nach Aussagen mehrerer Teilnehmer eine durch die Versprengtheit der Gruppen schwer in der Teilnehmerzahl zu schätzende, jedoch mehrere hundert aktiv Beteiligte umfassende Protestierendenschar ihre Stimmen gegen ein Treffen im Luxushotel Adlon mit lautstarken Gegenkommentaren begleitet hatten, kam es zu einer weiteren berichtenswerten polizeilichen Aktivität.

Gerade kleine “polizeiliche Aktivitäten” lohnt es sich gelegentlich, genauer unter die Lupe zu nehmen.

Diesmal traf es wieder einmal ein paar Studierende, in diesem Fall ein buntes Seitengrüppchen, das sich mit eigenen guten Gründen für ihren Protest bewaffnet hatte, selbige auf einem gut gefalteten und versteckten Transparent in das Hotel Adlon geschmuggelt hatte, und schließlich ungeschützt in die Hände des undurchsichtigen Gesetzes geriet.

Undurchsichtig, denn dem Grüppchen kann schwerlich viel vorgeworfen werden – vier Studis aus bunten Fachbereichen (so überraschend hochpolitischen Studiengängen wie Meteorologie, Filmwissenschaft, Germanistik und einem weiteren Philologischen Fach – und dann auch noch halbiert, da eine Hälfte der ursprünglich doppelt so groß geplanten Gruppe die U-Bahn verpaßt hat) – ging ins Adlon und kam aus dem Adlon wieder heraus.
Die Studenten entfalteten das gut verpackte Transparent und gaben ihre Meinung kund: nur taten sie es vor dem Gebäude. Die wachsenden Bannmeilien um Privatgründstücke (Bannmeilen, die es offiziell noch nicht gibt – die Polizei handelte hier gewohnt nach Anweisung, weniger nach Logik. Und schuf damit genau die Privat-Bannmeile, die ihrer Funktion nutzt) – können Großstädtern wie ihren Besuchern täglich neue graue Haare zwischen noch graueren Fassaden wachsen lassen. Richtig geraten: der Vorwurf lautet  “Hausfriedensbruch”. Wohlgemerkt, ein “Haus”friedensbruch auf dem Bürgersteig vor dem Hotel.

Besonders auffallend bei dieser – inoffiziellen, aber de facto nichts als das: – Festnahme bis zur Freilassung nach der Klärung der Personalien des Studenten – und der funktionsimmanenten Untersuchung, ob die Personalien sich für einen Eintrag in die Datenbank linke Straftäter (schon schwer verdächtige Rebellen) oder in die Datenbank “vermutlich baldige linke Straftäter” (bei zukünftigen Demonstrationen “gesondert zu behandelnde auffällige und verdächtige Individuen”) eignen – war die Wiederholung einer beliebten polizeilichen “Spielmethode”: der unterschwelligen Signalisierung von Macht und stiller Gewalt.  Markus*, einer der betroffenen Studenten, empfand das zeitlich wohlplatzierte Ausgehen des Lichts während der Prozedur in einer regelrechten Zelle im Einsatzwagen als bedenklich.
Die damit unterbundene Kontaktaufnahme mit vor dem Wagen Stehenden erinnert an das Verhalten der “anonymen” Berliner Polizeistruktur vom Tage der Freiheit-statt-Angst-Demonstration, bei der es wiederholt zu verwechselbar ähnlichen Verhaltensweisen kam. Festgenommene wurden auch am  12.9.09 isoliert, es wurde in einem Fall durch eine Polizistin der Vorhang eines Einsatzwagensfensters in genau dem Augenblick zugezogen, in dem die Festgenommene ihren Namen an Außenstehende durch Fingerzeichen zu buchstabieren versuchte.

Vieviel kostet eine halbe Stunde gestohlene Lebenszeit? Einem gestohlen, der Protest zu äußern hat, und das womöglich mit gutem Grund – danach aber eigentlich etwas essen gehen wollte, einen Text für das nächste Seminar lesen, in die Zeitung von heute reinschnuppern, oder einen Menschen anrufen, der ihm/ihr wichtig ist?
Wieviel kostet die polizeiliche Spielverliebtheit mit endlos hungrigen Datenbankfeldern, wartend auf den nächsten neuen Namen, auf das nächste Geburtsdatum, eine nächste Stadt, aus der das “verdächtige Objekt”** entwachsen?

Die Sorge des betroffenen Studenten, daß der Fotograf, der die Szene eingefangen hat, kein bloßer Journalist sein könnte, sondern dem suchenden System näher verbunden, könnte sich zumindest in der vermuteten Intention als übertrieben erweisen – wenngleich zugegeben werden muß, daß sie ähnlich von besorgten Demonstrationsteilnehmern bei diversen Gelegenheiten und Terminen vernommen. Keinem Protestierenden kann die Vorsicht gegenüber zu guter Kommunikation mit der Ordnungsmacht abgewöhnt werden – und sollte es auch nicht. Die Diskrepanz zwischen der Notwendigkeit der Dokumentation von Bewegungen, ihrer medialen Vermittlung an jene Außenwelt, die von einer Protestbewegung erreicht werden soll und will – und die alte “Medienscheu” der Linken, addiert mit der Frage der notwendigen Systemintegration eines jeden “freien” oder “freiberuflichen” Individuums, solange es in Kreisläufe von Mietzahlungen, das Abdrücken von Kleingeld für den Bäcker, in die wiederkehrenden Erinnerungen der Gasag oder eines Stromlieferanten und nicht zuletzt in Auftragsabhängigkeiten eingebunden ist – bleiben Diskussionen, die so alt sind, daß es irgendwann aufhört anzustrengen, sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit von “ganz Neuem” zu führen.

“Von sich aus gaben die Beamten”, sagt der Student, zum Thema zurückkehrend, “weder Name noch Dienstnummer heraus, “auch eine Adresse, an der man sich über das Verhalten der Polizeibeamten beschweren könnte, wurde uns nicht genannt”.
“Wir hatten es mit völlig anonymen Polizisten zu tun”.

* Name v.d.Red. geändert.

**”verdächtige Subjekte” unterscheiden sich von “verdächtigen Objekten” gemeinhin dadurch, daß Ersteren noch Reste des Subjekthaften zugestanden wird, während das “verdächtige Objekt” sich unversehends vollends in der Rolle und Funktion eines datenbankfüllenden Quarkbällchens wiederfindet.

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