wikinews030.

please note our disclaimer page – we have nothing in common with the Wikimedia Foundation

Entwerbungsaktion – Work in progress gegen Werbemüll an der Freien Universität Berlin

leave a comment »

(urheberrechtlich geschützter beitrag. textcode option.)

Entwerbungsaktion.

Work in progress gegen Werbemüll an der Freien Universität Berlin

Ein energiegeladener Morgen am Tag nach dem Beginn der Besetzung des Hörsaals 1A an der (Werbe)Freien Universität Berlin. Tags zuvor haben Studenten mit mehr als eindeutiger Mehrheit die Besetzung per Wahl beschlossen, nun machen sich die ersten Übernachter zusammen mit frühen Gästen nach dem Morgenkaffee und einem schnellen Frühstück an die konkrete Arbeit. Da es schwer fällt, in einer von Werbeplakaten zugemüllten Universität inhaltlich an Forderungen und ihrer Umsetzung zu arbeiten, beginnen sie mit einer diesmal personell stark angewachsenen Entwerbungsaktion – traditionell ein aktivistischer Semesterbeginn – bei der die Gänge des Hauptgebäudes um A0-Werbeplakate erleichtert werden. Die Plakate werden im Anschluß zu einem Stapel verwertbaren Materials gesammelt – O2 hatte die Rückseite der Werbeplakate unvorsichtigerweise weiß, somit beschreibbar und bemalbar belassen.

Mitten in das Geschehen platzt noch am selben Morgen eine Firma, die just an diesem Tag „Promotion-Tütchen“ an die Studenten verteilen will – auch dies eine die Studenten durchaus störende, regelmäßig in den ersten Semesterwochen wiederholte Werbeaktion. Die Tütchen sind mit Werbegeschenken angefüllt: Lauch-Tütensuppen, für die man laut Rezept Lauch hinzukaufen muß, um die „Lauch-Tütensuppen“ zubereiten zu können (Inhalt: Mehl mit Geschmacksverstärkern und Gewürzersatzmitteln), Werbeausgaben von Männer- und Frauenmagazinen (die Tüten sind nach Geschlechtern sortiert, es gibt Männertütenpakete und Frauentütenpakete), Stifte, Seife und natürlich Bräunungsmittel.

Die Studenten stürzen sich auf die noch unverteilten, gestapelten, frisch antransportierten Pakete und retten sie vor dem achtlosen Zerstreuen an Studenten, die Besseres zu tun haben, als nach Lauch für „Lauch-Tütensuppen“ zu suchen oder sich Bräunungscreme ins Gesicht zu schmieren, damit man die Bibliotheksblässe nicht so stark sieht. Sie trennen den Inhalt nach „Schrott plus Müll“ und Verwertbares, vorläufig wird auch das „Mehl mit Geschmacksverstärkern“ in die Kisten mit verwertbarem Material sortiert. Sie entledigen sich der Mode- und Kosmetikwerbungmagazine ebenso wie diverser Werbeflyer, packen die Seifen zum Stapel „praktisch für Besetzungen“ und sortieren die Kugelschreiber aufmerksam in die Ecke „äußerst wertvoll, werden noch benötigt“. Eine Tüte mit Gewürzmittelmehl und Seifen landet noch am selben Abend im besetzten Audimax der FU, als ‘Carepaket’ voller Raubgut. Es ist zu spüren, daß die Energie der Studierenden trotz neuer Studentengenerationen seit dem „NoLogo-Aktionstag“ 2005 nicht ernsthaft abgenommen hat, ganz im Gegenteil. Am Ende ist noch genug Spaß und Laune da, um als Gruppe performancekunst-begabter Studis einen schwarzen Müllcontainer voller Aktionsrestmüll (leere Papptüten und Hochglanzwerbemagazine) durch Mensa und Unigänge zu fahren. Innendrin ein mit Papiermüll beklebter, laut sein Leid ausrufender Student, auf dessen Brust das Wort „Konsumopfer“ prangt.

Die Studierenden begründen ihre Ablehnung der Werbung auf Hochschulgelände mit der Forderung nach einer Korrektur des Bildungsetats: „den Bildungseinrichtungen werden zuerst die Mittel gekürzt, dann klebt man Studenten und Schülern die Gänge ihrer Unis und Schulen mit Werbung voll und behauptet noch, das sei zu ihrem Gunsten – unmöglich“, beschwert sich eine teilnehmende Studentin. „Wir fordern eine radikale Kürzung des Rüstungsetats und eine Umlenkung der Gelder in die Töpfe, die das Geld wirklich brauchen, benötigen und die v.a. auch in der Lage sind, daraus Konstruktives herzustellen“.

Die Richtung der Kritik, die Formulierungen ihrer Begründung, Stil und Form der Aktivitäten sind vielfältig. Im Kern aber überschneiden sich die Stimmen – sei es, daß die Universität als ein dem Geist frei zu bleibender Raum eingefordert wird, der vor dem alltagsbeherrschenden Kosten-Nutzen-Kauf-und-Verkauf-Denken geschützt werden kann, sei es, daß auf die Werbung auf Universitätsgelände als Begleiterscheinung politischer Etatverteilungs-Fehlentscheidungen aufmerksam gemacht wird.

Beobachtet man den studentischen Einsatz gegen Werbung an der Uni, so stellen sich von Semester zu Semester variierende stilistische Mittel ein – war es 2005 die NoLogo-Aktion mit sichtbarer und Spuren hinterlassender Zerstörung der Werbeplakate, so folgten ihr im Folgesemester Aktionen, bei denen Studenten mit einem die Werbung überklebenden, kurz mit kritischen Sätzen informierenden A4-Blatt gegen Werbemüll zu Felde zogen. Es folgten Semester, in denen Studenten versuchten, nach Entfernung von Werbung aus den für sie vorgesehenen Aluminiumrahmen Alternativinhalte zu bieten: sie setzten informative studentische Plakate ein, betätigten sich künstlerisch oder hinterließen Statements mit dicken schwarzen Eddings.

Die während der Besetzung fortlaufend weitergeführte Entwerbungsaktion ist natürlich mit diesen Ansätzen nicht zu vergleichen – sie baut zwar inhaltlich auf den langen Vorbereitungen der letzten Jahre auf, kann jedoch, in ihrer personellen Stärke, nur während einer solchen Besetzung so bleibend und gründlich durchgeführt werden wie diesmal. Die Studenten erreichten eine „Entwerbung“ aller Flure im Hauptgebäude – ein Kraftakt, der von locker vernetzten Studierenden sonst in kleineren Aktionen immer nur stückweise vollbracht werden konnte, der Kampf um jeden einzelnen Alurahmen gefährlich war (die Security in der Universität stand in vorangegangenen Semestern durchaus nicht ungespalten hinter der studentischen Kritik, was zuweilen selbst bis zur Zuführung an die Polizei und Erkennungsdienstlichen Maßnahmen führte) und täglich von Neuem in Angriff genommen werden mußte.

Knapp eine Woche nach Beginn gibt sich den Studenten die Gelegenheit zu einem starken zweiten Teil ihrer Entwerbungs-Aktionskette. Eine Pizzakette, die keine Pizzas, dafür aber Adventskalender für ein perfektes Geschenk an Volljährige auf dem Weg zur Bibliothek hält, wird wird um ganze Stapeltürme an Paketen erleichtert. Diese Pakete werden zum Teil ebenfalls getrennt – durchsichtige Plastiktüten, in die die Kalender einzeln gepackt sind (um ja kein Verpackungsmaterial bei der Promotion zu vergeuden), erweisen sich als perfekte studentische „Briefkästen“ für die Verteilung von Flugblättern an einzelne Institute – Briefkästen, die reziprok sind, nebenbei bemerkt, sie sollen studentische Stimmen einsammeln, neu hineinzunehmende, bisher vergessene Forderungen, dringende Kritikpunkte am Studienplan, studentisch Relevantes. Der Inhalt der Plastiktüten, die Adventskalender selbst, sind von den Studierenden für das Kinderhilfswerk bestimmt worden.

Die betroffene Pizzakette schickte übrigens noch am selben Tag eine mit einem Smiley geschmückte Solidarisierungs-Email – vermutlich als Entschuldigung für das allzu rasche Heranrufen der Polizei durch einen Pizzaketten-Mitarbeiter, bis sich der Verzicht auf eine Anzeige im vor mehreren herumstehenden Zeugen geführten Handygespräch mit seinem Arbeitgeber als vernünftigere Reaktion auf die studentische Spontanaktion herauskristallisiert hatte.

apk

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: