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Vor-Ort-Bericht (LaGeSo)

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Anna Panek für wn030

Ich war heute vor Ort*, um mir die aktuelle Situation selbst anzusehen. Dass vor einer Woche Wasser auch in Form richtiger Spritzfontänen herangeschafft wurde, ist bei den Temperaturen sehr gut, habe ich heute nicht gesehen (33 Grad laut Google Wetter), allerdings kann ich auch nicht bestätigen, dass es generellen Wassermangel gibt: es gibt den einen zentralen Wasserhahn in der Mitte und wenige Meter entfernt einen zweiten (wenn man vor dem Eingang steht, mit dem zentralen Wasserhahn im Rücken, ist der zweite Wasserhahn rechts davon). Es gab keine Schlangen vor dem Wasserhahn, zumindest heute. Toiletten sind da, waren in den Gesprächen mit den Wartenden vor Ort nicht deren zentrales Problem. Die Helfer von “Moabit hilft” konnten heute offensichtlich ungestört Essen austeilen (hat mir zumindest einer der Helfer bestätigt). Sie werden zwar getrietzt (Hände desinfizieren, Handschuhe), aber sie mussten keine Spenden wegwerfen, das hat der Helfer, mit dem ich gesprochen habe, verneint. Geschmiert wird in einem Catering-Wagen, der heute dort gestanden hat.

Was dagegen absolutes Problem weiterhin ist, ist die Unterbringung der Leute. Es gibt weiterhin viele Menschen, die nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen werden. Es gibt Zelte, die lieblos aufgestellt wurden – Mehrpersonenzelte direkt auf dem sandigen Boden. Nur das flatternde Dach über dem Kopf und einen überquellenden Mülleimer, sonst nichts (die Helfer mühen sich, den Müll wegzuräumen, weit erschreckender finde ich aber die Zelte selbst: sandiger Boden. Das war’s). Wenn kurz eine Brise auffrischte, fühlte man sich in den kleinen Sandstürmen wie mitten in der Sahara (ernsthaft: die stehende Hitze, dazu der Wind, der den kargen Boden aufwühlt – das ist höchstens für Leute schön, die den afrikanischen Kontinent nur aus dem Urlaub kennen). Einige Menschen übernachten im Park gegenüber.

Ein weiteres Problem ist das Absageverhalten des Amtes selbst – einer meiner Gesprächspartner war ein Jugendlicher aus Palästina. Er ist ohne Familie. Er hat in einem Gebiet gelebt, in dem eine Terrorzelle saß (der Mensch sprach arabisch, ein anderer Wartender, der etwas Englisch sprach, vermittelte – daher weiß ich nicht, ob Al Qaida als Allgemeinbezeichnung verwendet wurde oder ob es ein Zweig von Al Qaida war) – jedenfalls wurde das Gebiet aufgrund der Terrorzelle bombardiert, er hatte das Pech gehabt, dort gelebt zu haben. Kein Ort zum Leben, keine Familie. Vom Amt hat er eine Mitteilung erhalten, in einem Monat “zurück” zu müssen. Wohin, weiß er nicht. Ihm wurde weder ein Sprachkurs angeboten, damit er sich verständigen kann (ich habe ihn gefragt, ob er das, was er erlebt hat, in das Antragsformular geschrieben hat, darauf folgte eine Unterhaltung zwischen dem etwas Englisch sprechenden Menschen und ihm – die Antwort erreichte mich leider nicht mehr), noch eine Berufsausbildung – gar nichts! Es kann gut sein, dass er das Formular ausführlich ausgefüllt hat und das Amt trotzdem eine Ablehnung erteilt hat, es kann auch sein, dass die Sprachbarriere für das Problem gesorgt hat: wie auch immer – ich fand diese Begegnung am heutigen Tage am schockierendsten. Wenn man sich vorstellt, einen wie weiten Weg der junge Mensch hierher zurückgelegt hat.. und jetzt soll er laut Amt einfach “zurück”. Wohin?

Ein anderer Gesprächspartner war ein syrischer Journalist. (Ich habe seinen Presseausweis gesehen.) Fotoberichterstattung und er bestätigte, dass er auch aus Kriegsgebieten berichtet hat. Arabischer Presseausweis. Noch kein E-Mail-Konto. Noch keine Englischkenntnisse. Man kann ihm nur Daumen drücken, dass sein Fall grünes Licht bekommt.

Ein anderer aus der Gruppe hatte zwar Sorgen, von einem Hund zu sehr berührt zu werden (sein Bekannter erklärte, wegen muslimischem Glauben), hatte mir aber ein Bild von einem Designerkleid gezeigt, das zu seinen Entwürfen gehört: wie für Conchita Wurst gemacht! Also ganz so muslimisch offensichtlich auch nicht drauf, für den suche ich aktuell nach Kontakten. Ob es klappt, weiß ich nicht, aber ich habe die Bilder via E-Mail mittlerweile erhalten. (wn030: die Bilder des arabisch und englisch sprechenden Designers stellen wir hier rein, falls einer unserer Leser ein Label hat hier in Berlin oder bei einem arbeitet und ihn gerne bei sich hätte, meldet euch via Kommentarfeld dieser Seite mit Angabe eurer Kontakttelefonnummer und vor allem eurer E-Mail-Adresse, wir vermitteln. Der Versuch, im weiteren E-Mail-Kontakt genau zu trennen zwischen Kleidermodellen, die seine eigenen originellen Entwürfe sind und Kleidermodellen, an denen er mitgearbeitet hat, scheiterte an der Sprachbarriere. Falls sich ein interessiertes Label findet, ist es sicher hilfreich, wenn dort arabisch sprechende Mitarbeiter eingestellt sind, solange der Designer andere Sprachen noch nicht sicher beherrscht).

Design by Sireescom

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Am meisten umgehauen hatte mich ein russisch sprechender Jugendlicher, der, als ich die lockere Gruppe, mit der ich gesprochen hatte, verließ, mir einen Koffer in die Hand drückte. Ich schüttelte mit dem Kopf, dass ich ihn nicht bezahlen kann, aber er sagte “podarunek” (“Geschenk” auf Polnisch, wie Russisch eine slawische Sprache). Und betonte, dass es sich um ein russisches Fabrikat handelt. Also zog ich, dankbar, mit einem echt russischen Koffer von dannen. Ich weiß nicht, ob er mit Blick auf mein Hängetäschchen (das, zugegeben, dringend mal wieder einen Waschmaschinenwaschgang gebrauchen könnte) oder mit Blick auf meine Stoff-Einkaufstüte sich gesagt hat, dass ich den jetzt leeren Koffer wohl mehr brauchen kann als er selber… (vielleicht war mal Proviant dringewesen, oder, was ich am meisten hoffe: vielleicht hat er von den Spenden einen besseren erhalten und brauchte ihn nicht mehr) – jedenfalls war ich bei der Geste sprachlos. Sprachlos auch, weil sie so stellvertretend ist für die gesamte Situation: diese Menschen haben so viel zu geben. – Und wie geht man mit ihnen um…

(Freitag, 14. August 2015, nach einem Besuch vor Ort am heutigen Nachmittag)

*Die Abkürzung LaGeSo steht für “Landesamt für Gesundheit und Soziales” es handelt sich um die Zentrale Annahmestelle für Asylbewerber, Ort ist Berlin.

(Update: Laut Morgenpost vom 14.8. – siehe Pressespiegel – ist die Zahl der in Karlshorst untergebrachten Asylbewerber am 14. August auf 1000 angestiegen. Aufgrund der Unterbringungsnotlage wurde selbentags schließlich doch das zuvor zugesagte, leerstehende Rathaus Wilmersdorf als Notunterkunft eingerichtet. Ursprünglich war die Eröffnung dieser Unterkunft erst für Ende August geplant gewesen)

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Written by wn030

August 14, 2015 at 4:44 pm

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2 Responses

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  1. Christiane Beckmann fasst auf facebook ihre Eindrücke zusammen:

    “Was haben sie wohl durchgemacht auf dem Weg nach Deutschland? Ist _das_hier mein Deutschland? Geht man so mit Menschen um?
    Wir pusten auf ein Knie eines Kindes, nehmen es in den Arm, wollen es verwöhnen, weil es von einer Schaukel fiel.
    Im LaGeSo sehe ich Kinder, die im Krieg geboren sind, eine Flucht in einem Boot überlebt haben, mit Schlapperlatschen rumlaufen, die vier Nummern zu klein sind, die 12 Stunden mitten in Deutschland im Sand liegen müssen und niemand pustet.

    Bitte seht diese Einleitung als eine Triggerwarnung. (…)

    • Seit drei Tagen rumirrender Mann mit Schrapnell im Auge ohne Unterkunft. Hat zum Montag einen OP Termin in der Charité. Er und seine Familie erhalten aber trotzdem die Umverteilung nach Friedland. Und obwohl der OP-termin fest steht und zwingend notwenig ist, gibt es keine Aussetzung der Umverteilung.

    • Vier Minderjährige haben eine Wartezeiten von 3-4 Tagen je nach Person. Dann Weiterleitung Wupperstraße keine Kapazitäten. Und wieder erneute Ausstellung von Hostel Gutscheinen am gestrigen Tag alleine zwölf Stück mit eigenen Augen gesehen und Barauszahlung. Somit wieder obdachlos

    • Krankes Baby mit Notfalleinsatz, anschließend Familie in Privatunterkunft da sonst Obdachlos

    • Alle Notfalleinsätze sind schlussendlich Obdachlos wenn wir sie nicht abfangen und in eine Private oder andere Unterkunft begleiten (…)”

    (Update: der Bericht ist jetzt auf “MitVergnügen” veröffentlicht worden)

    wn030

    August 17, 2015 at 11:02 am

  2. wn030

    October 26, 2015 at 3:00 am


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