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Wer ist hier alles “Flüchtling”. (Bigos Teil 3)

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(Anna Panek für wn030)

“Ich habe den längeren Kalender als Du.”

“Ich bin viel mehr Exilante als Du Flüchtlingese.”

Exilmenschlein, viel später.

Während die Wartezeit auf die Antwort aus Warschau sich hinzieht, entsteht eine gerade ausreichend große Zeitlücke für einen Lückenfüllertext.

Dreikäsehoch mit Augen, die mitfilmen. Es geht nicht einmal um die Fahrt durch die damals beachtlich vielen Grenzübergänge zwischen Ankunft in Hof und Abfahrt in Wrocław.

Möglicherweise auch nicht um die Frage, wie in dem Chaos der Datumfehler im Pass meiner Mutter eigentlich passiert ist: Formular war korrekt ausgefüllt, warum stand also was Falsches im ausgestellten Dokument? Mutter sagt: Chaos.

Es geht also nicht um die Frage, wie in dieser Situation der Grenzübertritt genau gelungen ist, zumal die langen Durchsuchungen bis nach Mitternacht bekannt wurden, sondern darum, dass es gelungen ist. Der Grenzübertritt geschah in der Samstagnacht gegen 7 Uhr. Die Grenze schloss sich hinter uns ziemlich überraschend, erwartet hat es von uns niemand. Befürchtungen, ja. Ahnungen, ja. Aber erwartet hatte es keiner. Jaruzelskis Rede kam pünktlich zum Frühstück im Radio (pünktlich für die Großen, wir durften ausschlafen). Später sagten uns die Großeltern, die meine Mutter und mich verabschiedet haben, dass sie gehämmert haben an die Tür um Mitternacht. Verabschiedet hatten sie uns eigentlich nur für so 2-3 Wochen. Sollte eigentlich Kurzaufenthalt sein und dann sowas.

Wovor ins Exil? Davor, dass man uns – der gesamten Siedlung – regelmäßig aus “Energiespargründen” im Winter die Heizungen ausgestellt hatte? Dann wäre an dieser Stelle Gelächter angebracht, denn das ist ein running Gag in unserer Familie: wenn meine Mutter nachts aufwacht und friert, kann die im wilden Westen in München die Heizung nicht aufdrehen, die schmeißen die zentrale “aus Energiespargründen” erst kurz vor mittag an. Die friert nachts. Soweit also dazu, wie weit es das hiesige System gebracht hat. Das laut Geschichtsbüchern damals Block an Block mit einem Gegensystem sich in Konkurrenz befand. Wenn mich ein System nach “Heizung” fragt und mich um ein feedback bittet, lache ich laut auf. Sollten die Leute nicht eigentlich selbst entscheiden können, wann sie bei sich selbst in den Buden aus Energiespargründen runterdrehen?

Wovor also ins Exil? Davor, dass in der Siedlung tatsächlich kurz vor der Abfahrt immer früher aufgestanden werden musste für ein Brot? Auch dazu lache ich laut auf: ja, Schlangestehen musste familiär und nachbarschaftlich organisiert werden, man gab sich die Früh- und Spätschichten so herum, wie sie gingen. Aber es gab die Milchtütenmilch, die es hier bei all dem Tetrapack nur noch selten zu ergattern gibt (recycling sehr schwer bei Tetra). Und Brot gab es nicht nur in dem kleinen Bäckerladen, es gab auch das Supermarktbrot, das war auch gebacken und normal frisch.

Und manchmal war es sogar da. (1)

Ich will auf den Tisch bekommen, was von dem im Inland produzierten als Exportware verschickt wurde und wohin in den Jahren davor.

Wovor sind wir ins Exil gegangen.

Davor, dass Mutter sich gerne schönere Badezimmerkacheln gewünscht hätte? Davor geht man nicht ins Exil. Man schaut, wo man die Kacheln herbekommt, die wollte die für die Wohnung. (An die um Mitternacht geklopft wurde.)

Um es kurz zu machen: wir sind hier eigentlich nur für einen Urlaub zur Weihnachtszeit hergekommen. Und dann wurde er unerwartet etwas länger.

Und dann sitze ich eines Tages, Jahre später, um Weihnachten herum an einer Schreibmaschine mit leichtgängiger Klaviatur und warte auf eine Antwort aus Warschau.

Aus einem Land, von dem ich schwer sagen kann, “dass ich es nicht wiedererkenne”, es sind noch dieselben Straßen, wenn man mal dort ist. Aber aus einem Land, dessen Entwicklung nicht hinnehmbar ist. Es ist zum Beispiel nicht hinnehmbar, dass man es den Rechten gestattet, Jacek Kaczmarski für sich zu vereinnahmen. Was haben die schon mit Jacek zu tun? Sie nutzen den Umstand aus, dass er sich nicht mehr von ihnen distanzieren kann. Das ist nicht hinnehmbar.

Es ist nicht hinnehmbar, dass eine Senderleitung derartig einknickt. Suspendiert?

Es ist nicht hinnehmbar, dass ein Typ, von dem Leute, die damals in der Solidarność aktiv waren, sagen, von dem hat nie einer was gehört – dass eine solche Type sich jetzt versucht, als etwas zu verkaufen, was er nie war – und zwar um was genau durchzusetzen. Seinen Traum vom Wawel? Präsidentchenfürstchen? Kartoffelköniglein? Man lacht, eine Weile. Ein paar Jahre lang.

Bis ein – genau dieser eine – Schritt zuviel getan ist. Diktaturen werden genau so aufgebaut. Kontrolle über die Medien. Demontage der Verfassung.

Und, ja, zurecht die Frage, wie lange Europa sich das bieten lassen will beziehungsweise wie lange Brüssel schweigend zusehen möchte, wenn Leute fragend rüberblicken, ob sie jetzt mit dem allein gelassen werden.

Aber: Es wäre nicht unzuträglich, wenn Europa danach auch kurz nachdenkt, ob es zwischen fehlenden Wählerstimmen allgemein und Ignoranz gegenüber Wählern nicht eventuell einen Zusammenhang geben könnte, ganz allgemein jetzt betrachtet und als a propos aus dem Nachbarland drangehängt.

(Es ist nicht hinnehmbar, dass diese Seite noch einen Tag länger auf einen Text von jemandem warten muss, dessen Text hier erscheinen sollte und ich hier stellvertretend herumtippe, aber deswegen suspendieren wir keine Autoren. Musste ich kurz mal loswerden, weil das wirklich ärgerlich ist, aber das ist bei dem Autor nichts Neues. Extrem ärgerlich. Weiter im Text.)

(text is maybe still in progress, feel free to revisit later)

Fußnote

(1) Nein, also, ich muss da was dazu korrigieren, weil so stehen gelassen stimmt es einfach nicht und wäre nicht fair. Angestanden wurde beim kleinen Bäckerladen. Vermutlich hatten viele Familien Zeitgründe dafür, konnte nicht jeder auf die Öffnungszeit des Supermarkts auf der Siedlung warten. Oder die Brötchen waren leckerer (und mehr Varianten). Und Hörnchen.

Das Brot im Supermarkt (das übrigens frisch und auch lecker war, unter anderem weil frisch und knusprige Brotkruste, eine Art Mischbrot, der ALDI zum Beispiel kann sich damit jetzt nur vergleichen, weil es zum schlabbrigen, in Plastik eingetüteten Brot dort auch eine Backwarenabteilung gibt, seit erst wenigen Jahren allerdings erst) – dass aber Brot in den Jahren davor – vor 1981 – gefehlt hat, das habe ich mit eigenen Augen nie ausverkauft gesehen. (Kann schon sein, dass kurz vor Ladenschluss sicher einer mal zu spät kam, ist doch im ALDI schon ab 18 Uhr nicht anders, was einige Kunden bestätigen können und nachfragen, wozu dann die Ladenöffnungszeitänderung… lassen wir das). Jedenfalls nein, ich kann nach genauerem Durchforsten meiner Langzeitspeicherfestplatte, also nach dem Hervorholen meiner Erinnerung an die Zeit damals nicht behaupten, dass gerade Brot fehlte. Angestanden wurde für Butter – lange, lange Schlangen für einen Alltagsartikel, die Alternative war Margarine (ich esse die bis heute lieber), für Butter gab es Schlangen. Und für Fleisch.

Hörnchen, leckere, habe ich in den frühen Neunzigern dort mit eigenen Augen gesehen und mit dem eigenen “hmmmMM!” gegessen und genossen.

Anmerkung:

Bigos Teil 1 (ist Abschnitt 2 von “Fiat Polski 1981”) ist erschienen in: Europäisches Erbe in Berlin. Kurzgeschichten. Ein Projekt der Jugendinitiative Die ErBen. Herausgeberin: Anke Meißner. 2005 (200 Exemplare, das Ding ist nicht verfügbar, Sie brauchen nicht zu suchen und nicht zu fragen. Bückware ist nichts dagegen – es ist vergriffen. Wie in Berlin halt so üblich. “Wir halten was auf unsere Traditionen.”)

Bigos Teil 2 ist erschienen in (muss suchen)

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Written by wn030

December 26, 2015 at 1:39 am

Posted in Uncategorized

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