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Der Frau Zalewska ihr Durchschnitt.

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Die Bildungs(!)ministerin Anna Zalewska wand sich, schraubte an Sprache, Gedanke und Tat im Fernsehen. Sie hätte der der Journalistin ihre Frage beantworten sollen, welche Bedeutung das Verb fallen hat.

Das Problem betrifft die „gefallenen“ Opfer der Smoleńsker Flugzeugkatastrophe. Aber „fallen“ kann man schließlich nur auf dem Schlachtfeld, aus den Händen des Feindes. Man „fällt“ nicht bei einem Unfall, sei es der Unfall eines Flugzeuges oder ein Straßenverkehrsunfall.

Sie schlussfolgerte, lagerte um von Wortbein zu Wortbein**, um zu antworten, dass „fallen“ die Bedeutung trage, tragisch zu sterben.
Ach so, sagte ich an dem Punkt. Nicht jeder muss Absolvent der polnischen Philologie sein, nicht jeder muss eine – mehr oder weniger – vorzeigbare Beherrschung der Etymologie von Ausdrücken vorweisen, gerade der häufig, zu häufig verwendeten. Selbst einem Bildungsminister m/w können Ausrutscher passieren.
Nicht jeder konnte in seinen oder ihren studentischen Zeiten mit Professoren wie Bralczyk oder Miodek Umgang pflegen.

Das Leben erinnert zuweilen an das Pokerspiel. Es lohnt sich, gelegentlich nachzuprüfen, welche Karten in der Hand Frau Minister hat.
Ich googelte, fand und konnte es nicht glauben!
Frau Anna Zalewska ist Absolventin der… polnischen Philologie! Und zwar an der Breslauer Universität!!*

Sie musste doch Herrn Miodek wenigstens einmal über den Weg gelaufen sein.
Wenn man nur wenige Sätze verändert.
Synchronlinguistik ist verpflichtend für alle Polonisten. Unabhängig von ihrer weiteren Spezialisierung, sei es einer linguistischen, historischen oder literaturhistorischen.

Ich erinnere Frau Minister:
das transitive und vollendete Verb –
polec (fallen im Polnischen. Im Deutschen: gefallen).

Infinitiv – fallen (polec), Präteritum, Plural – fielen (polegli).
Alle – wirklich alle – Wörterbücher der polnischen Sprache unterstreichen, dass man „fallen“ ausschließlich in einer Schlacht kann – es bedeutet, dass dieser Tod kein zufälliger war, er war von jemand (feindlichem) beauftragt.

Lass mich kurz meine geplagte Seele wandern… Wrocław (also Breslau), ul. Grodzka, die Gemächer des polnischen Instituts. Sicher, das ist nicht der Nankier-Platz, aber zu meinen Zeiten betritt man das Institut von der Grodzka-Straße. In der nahegelegenen Hala Targowa (Markthalle) gab es an Zitrusfrüchten Äpfel, Zwetschgen und einen Mandarinen-Softdrink. An Biersorten gab es einzig die städtische. Es hatte die Farbe von Wasser, das einige Zeit auf dem Stoppelfeld gestanden hat. Und es schmeckte nicht unähnlich. Und es hatte noch eine Eigenschaft: es war nicht da.
Damals wurde nichts gekauft, sondern organisiert. Man besorgte Sachen. Man hatte Zutritt. Zu einem Kärtchen oder zu jemandem, der Kärtchen herausgab.

Frau Minister kennt die Treppe, die zum Saal gewidmet Władysław Nehring führt (Sala im. Władysława Nehringa). Zu meinen Zeiten ging man diese Treppe hinunter, bei gehobenem Schummerlicht. Elegant umgingen wir die Spinnfäden, die sich mit Nehring bereits angefreundet hatten.

Im ersten Semester gab es 148 Studenten. 130 Mädels und der Rest waren Jungs. Zu Anfang herrschte das Chaos. Die Mädels haben, in irgendwelchen Gesellschaftsgrüppchen verschweißt, besetzten alle vorderen Ränge. Wir nahmen das taktische Grenzland. Die letzten Stühle, nah an der Tür.

Nach einigen Tagen begann der Prozess der Selbstorganisation, einer einkehrenden Ordnung.  Wie der Säer Bryna dafür sorgte, dass das Korn regelmäßig auf dem ganzen Feld verteilt ist, wie die Hausfrau, die den Sandkuchen in der Schüssel anrührt. Eine Handvoll Rosinen hineinwerfen, zweimal umrühren und schon hat sie sie regelmäßig verteilt, genau so wurden wir nach wenigen Tagen fair zwischen unseren Mitstudentinnen verteilt.
Wir waren 18 und sie waren 130. Nach zwei Vorlesungen war jeder von uns von einem Kränzchen Freundinnen umgeben.
Und die brachten aus ihren Häusern Äpfelchen, Törtchen mit Krusten, die nach Rum rochen, Pfannkuchen mit Käse (Sternchen: Pfannkuchen sind, wie wir bitteschön alle wissen, keine Berliner), mit Marmelade (Konfitüre meinetwegen, sagt der Frosch), Dampfnudeln zuweilen.

Es vergingen Stunden, und wir knabberten im göttlichen Nirwana. Manchmal ein Pfläumchen, ein Pastetchen, irgendwelche Träubchen.
Oh Gott! Was waren das für herrliche Studien!

Eines Tages kamen wir, wie immer, „nach Nehring“, zur Vorlesung.
Notizbücher auf den Tisch, relax. Die Atmosphäre erfreuter Erwartung.
Nach einigen Minuten fühlte ich etwas Ungewöhnliches und sehr Beunruhigendes. Etwas wie Kälte, Frost.
Leere, Abgrund, minus 273,15 Grad Celsius, Zero auf der Skala von Kelvin.
Keine Törtchen, Berliner, Äpfelchen.
Schlicht gar nichts.

Ich öffne die Augen und sehe, dass meine Mitstudenten auch beunruhigt sind, etwas ähnliches fühlen. Was ist los?
Wir sehen uns um. Die Mädels sind da, sitzen neben uns. Aber wir existieren für sie nicht mehr. Sie sehen uns nicht. Alle Köpfe sehen in eine Richtung, die Augen auf einen Punkt gerichtet.
Alle bewegungslos, wie paralysiert, hypnotisiert.

Und dort, hinter dem Stehpult, steht ein magerer Junge mit durcheinandergewirbeltem Wuschelkopf. Es ist der wissenschaftliche Mitarbeiter unseres Fachbereichs, Dr. Jan Miodek, er sprach über die beschreibende Grammatik der polnischen Sprache.

Ich weiß nicht, ob diese Mädchen dem zugehört haben, was der damalige Dr. Miodek sagte, oder ob sie sich nur für seine menschliche Figur interessierten.

Ich weiß nicht, ob Frau Minister das Vergnügen hatte, den Vorlesungen des Professors zuzuhören. Falls nicht – kann das nicht eine Begründung sein, irgendwelche mildernden Umstände.
Falls sie jedoch dort war, hörte aber nicht zuhörte, holte sie das Wissen der Polonistik ab aber eignete sie sich nicht an?
Die „Reczypospolite“*** von Fr. Minister werden so sein wie ihre Bildung.

Ich empfehle Fr. Minister:
Die Beratung zu sprachlichen Fragen des Instituts der Polnischen Philologie der  Universität Wrocław        http://www.poradnia-jezykowa.uni.wroc.pl/pj/
tel.: (71) 375-24-30 (poniedziałek-piątek: 13.00-15.00)

 

Polnischer Text: Ryszard Panek

Übersetzung ins Deutsche: Anna Panek


Anm.:

* Das sind zwei. Ausrufezeichen. Und jedes einzelne mit Bedacht platziert, punkt.

** Lösungsvorschlag des Übersetzers m/w. Von Wort zu Wort hüpfen… hier wird das Bild des Gewichtsverlagerns von Standbein zu Standbein verbal gezeichnet. Wer einen besseren Einfall hierzu hat, bitte gerne in die Kommentare.

*** allgemeine/öffentliche Dinge, Angelegenheiten, Fragen, „Sachen“ – all dies, was in der Quellsprachen-Bezeichnung „Reczpospolita“ der Republik drin steht – aber schön zu wissen ist ein kleines Detail: etwas „pospolite“ kann auch: „Durchschnitt“ sein.


Update: weitere Links:

“Minister edukacji należy odebrać tytuł magistra”. Za słowa o pogromie kieleckim i Jedwabnem
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ceterum censeo, dass Sie, wenn Sie hier unten Werbung sehen, endlich die bei Ihnen gesetzten Cokies löschen sollten.

Written by wn030

July 20, 2016 at 2:30 pm

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