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Vor dem Verrammeln der Türen, vor dem Weggang (Beitrag zum Thema Klage polnischer Veteranen gegen ZDF/UFA Fiction/”Unsere Mütter, unsere Väter”)

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von Ryszard Panek

Die Stiftung zur Rettung des Guten Rufs (Anm. 1) entstand, wie ihre Gründer auf ihrer Internetseite schreiben, um falsche Informationen über Polen zu korrigieren, über Polens Teilname am 2. Weltkrieg, und über das Verhältnis zwischen Polen und Juden.

Auf dieser Internetseite lesen wir zum Beispiel:

„Diese Ziele können auf vielen Wegen erreicht werden, aber der wichtigste davon ist der aktive Widerstand gegen Verleumder, deren Angriffe im Laufe des letzten Jahres sich sichtlich vervielfacht haben, wofür eines der vielsagendsten Beispiele der Schundfilm gegen unsere Landesarmee ist, mit dem Titel ‘Unsere Mütter, unsere Väter’“.

Die Zivilklage gegen die Produzenten und Autoren des Films wurde von einem früheren Soldaten der Landesarmee, dem 90-jährigen Zbigniew Radłowski, sowie vom „Weltweiten Verband der Landesarmeesoldaten“ eingereicht.
Die Klägerseite behauptet, dass „in der Serie sich unter anderem Szenen finden, die beweisen sollen, dass die Landesarmee angeblich Mitschuld am Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung“ trage.

Analisieren wir doch in Ruhe die ganze polnische Sequenz.

Aus einem Transport zum Konzentrationslager flüchten zwei junge Menschen. Ein deutscher Jude und eine Polin.

Sie gelangen in ein polnisches Dorf zu einem Bauern. Der eine, ältere, will sie den Deutschen verraten. Der jüngere, sein Sohn, hilft den beiden, sich einem Kommando der Landesarmee-Partisanen anzuschließen.

Aus dem Dialog erschließt sich, dass die Partisanen Juden nicht mögen. (Ihnen selbst gelingt es, sich als … auszugeben) Eines Tages halten sie einen Zug an, der Waffen, Munition und Nahrung transportieren sollte. Sie öffnen die Waggons und dort, im Waggon, sind Juden. Einer der Transporte nach Auschwitz. Die Partisanen verschließen die Waggons wieder. Und das ist es. Weiter nichts.
Der Abschnitt über Polen im Film „Unsere Mütter, unsere Väter“, das sind knapp über 30 Minuten – in der insgesamt 3-teiligen Fernsehproduktion – deren Folgen jeweils über 90 Minuten lang sind. Die Ablehnung von Juden ist sichtbar. Schließlich haben sie häufig gelesen, dass Juden Cholera und Typhus übertragen. Sie eignen sich nicht zu irgendeiner anspruchsvolleren Arbeit, höchstens zum Ernten von Kartoffeln. Im Grunde sind sie menschlicher Abfall. Genauso übel wie die Russen.

Sie verrammelten die Türen, drehten sich um, gingen weg.

Der Film beschreibt Ereignisse aus dem Jahr 1943. Sechs Jahre später, im Jahr 1949, wurde Jarosław Kaczyński geboren.

Kaczyński – de facto an der Spitze des Staates, sagte kürzlich, dass „Immigranten Cholera und Dysentherie nach Europa eingeschleppt haben, außerdem Parasiten vielerlei Art und Protozoen, die in den Organismen dieser Menschen ungefährlich sind, aber eine Gefährdung für die einheimische Bevölkerung darstellen können“.

Andrzej Duda, der Präsident Polens, behauptete, dass Immigranten das Risiko „möglicher Epidemien“ mit sich gebracht haben.

Ein anderer Parlamentsabgeordneter, Marek Jakubiak aus der Partei „Kukiz 15“: „Flüchtlinge eignen sich nicht zu einer anspruchsvollen Arbeit, sondern ausschließlich zum Ernten von Kartoffeln“.
Der Eropaparlamentarier Janusz Korwin-Mikke wiederum nannte Immigranten „menschlichen Abfall“.

Wenn den Autoren dieses Aufrufs, wie auch den Funktionären der Stiftung zur „Rettung des Guten Rufs“, dieses filmische Gemälde – die Sequenzen des Films „Unsere Mütter, unsere Väter“ – so ein Dorn im Auge ist,  wenn dieser Film das Andenken der Untergrundsoldaten verunglimpft, warum schmerzt dann nicht das wirkliche, und nicht fiktive, Verhalten dieser Regierung. Hier und jetzt. Warum tut es nicht weh, dass heute Kaczyński, Szydło, Błaszczak sich umdrehen, weggehen.

Sie – wie der Partisan der Landesarmee aus dem Film – sie haben sich umgedreht. Sie verschlossen die Türen der Güterzüge, in denen die Juden des XXI. Jahrhunderts waren: Waisen aus Aleppo, Damaskus, Hims…

Wie hat es sich wirklich zutragen können damals, in Kriegszeiten, wenn heute die „Erben“ des Untergrundstaates, glühende Katholiken, der Premier, President, die Minister – über Streptokokken reden anstatt über Hilfe und elementare Solidarität?

Wie hat es damals wirklich zutragen können? In den damaligen Zeiten, als – wie es die Satiriker des Kabaretts „Neonówka” ausdrückten – Gott nicht anwesend war, krankgeschrieben, unfähig.

Die Autoren dieses Films behandelten den polnischen Abschnitt des Films nur leicht, oberflächlich.

Und zum Glück hatten sie weder das Herz dazu noch die Lust dazu und auf jeden Fall hatten sie nicht das Wissen über die damaligen Zeiten. Stellen wir uns vor, ein gründlicher, genauer Dokumentarfilmer macht sich, vor dem Schreiben des Drehbuchs, auf den Weg nach Warschau, um gründlich und solide zu untersuchen, wie damals eine Begegnung von Juden mit einem Kommando der AK wohl wirklich zugegangen wäre, Flüchtlingen aus einem Transport.

Wenn einer der Filmemacher zum IPN gekommen wäre (2) oder direkt zum Zentrum der Untersuchung der Vernichtung von Juden (Fachbereich der polnischen Wissenschaftsakademie) und sich dort durchgelesen hätte, wie solche Begegnungen wirklich abgelaufen wären, wenn…

Wenn sie dort auf einen der vielen – leider sehr vielen – Berichte wie den folgenden getroffen wären, der einen Tatsachenbericht darstellt.

9. Juli 1943. An diesem Tag haben Soldaten der Landesarmee aus dem Abschnitt Opatów 12 Juden aus dem Ghetto im Ostrowiec Świętokrzyski ermordet.

Sie sagten ihnen, dass sie sie in ihre Truppe aufnehmen werden, aber dass das bezahlt werden müsse. Die Juden haben bezahlt und den Text des Eides auswendig gelernt.

Der Eid beinhaltete die Worte: „Ich schwöre, für ein freies und mächtiges Polen zu kämpfen, die Befehle der Vorgesetzten zu befolgen, sowahr mir Gott helfe“.

Die jungen, jüdischen Flüchtlinge aus dem Ghetto, legten den Eid ab. Nach den Worten „sowahr mir Gott helfe“ begannen die Landesarmee-Soldaten zu schießen.

Sie ermordeten 12 bereits eingeschworene Juden, 12 neue Kollegen, Partisanen.

Nach dem Krieg wurden drei noch lebende Teilnehmer dieses Verbrechens (Józef Mularski, Leon Nowak und Edward Perzyński) verhaftet und gerichtlich verurteilt. Sie kamen nach der Amnestie 1956 frei.

Im Jahre 2000 erhielt Józef Mularski eine hohe Abfindung für seinen Gefängnisaufenthalt.

Er wurde letztlich zu einem Kriegshelden gemacht – einem Helden des Krieges um ein echtes, ungebeugtes Polen.
Ein freies, christliches, katholisches Polen.
Ein Polen ohne Kommunisten.

Und ohne Juden.

Und das ist auch unsere echte Geschichte.

Denn in Ostrowiec Świętokrzyski, Kielce, Leżajsk, Bukowa in der Nähe von Radom, überall dort sind Menschen durch polnische Hände umgekommen. Auch diese Hände waren schließlich Hände unserer Mütter, unserer Väter.

*Quelle: Alina Skibińska, Dariusz Libionka, “Zagłada Żydów. Studia i materiały” nr 4 2008

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Übersetzung, Fußnoten und eigensinnige Fettschriftwahl für den Textabschnitt zum Fall in Ostrowiec Świętokrzyski: Anna Panek

(1) ja also für unfreiwillige Komik bitte nicht den Übersetzer verantwortlich machen, die heißen so bei Übersetzung aus dem Original – nämlichen dem polnischen Namen der Stiftung. Aus dem englischen Sprachraum haben sie sich einen anderen Namen zukommen lassen, da sind sie eine “League against defamation”, aber wir orientieren uns hier nach dem polnischen Original, wonach denn auch sonst.

(2) Instytut Pamięci Narowodej – verbatim: Institut für Nationales Andenken

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tip an Leser: falls Sie hier unten Werbung sehen, sollten Sie mal Ihre Cookies löschen.

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Written by wn030

June 25, 2017 at 11:26 am

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